Geschichte des Vereins

Alle Gausingen auf einen Blick

DER SÄNGERGAU WÖRTHERSEE

"Kärntens klingender See"

 von Ehrenobmann Karl Ulbing 

Dem Wunsch des Vorstandes folgend, eine Darstellung des "Sängergaues Wörther­see" für das Internet zu verfassen, komme ich insofern gerne nach, als auch ich eine solche aus ver­schiedensten Gründen für notwendig erachte. Aufgrund der Tatsache aber, daß über einen gewissen Zeitraum keine schriftlichen Unterlagen vorhanden sind, erhebt dieses Vorhaben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird zum Teil den Charakter eines Gedächtnis­protokolls haben. Damit habe ich eine nicht ganz leichte Aufgabe übernommen.

 Vor 35 Jahren hat der bekannte und feinsinnige Veldener Lyriker, Prof. Helmut Scharf, das Thema des Sängergaues unter dem Titel "Kärntens klingender See" großartig ausgelotet. Er hat darin beinahe alle bekannten und berühmten Kompo­nisten, Schriftsteller, Dichter und Liedermacher wie Johannes Brahms, Gustav Mahler, Alban Berg, Thomas Koschat, Karl Zill, Ottilie von Herbert, Hans Neckheim, Theodor Streicher, Dr. Edwin Komauer, Wilhelm Kienzl, Herbert Strutz und Friedrich Perkonig angeführt, die in ihrem Schaffen zweifellos auch von der reizvollen und idyllischen Landschaft rund um den Wörthersee inspiriert wurden.

In diesem Zusammenhang sollte auch der Komponist Johann Herbeck (Ehrenmit­glied des MGV Klagenfurt) nicht vergessen werden, der, so schreibt sein Sohn Ludwig: " ... ein lauschiges Plätzchen auf der Halbinsel von Pörtschach fand, wo er die Motive einiger seiner Kompositionen aufzeichnen konnte. Auch war er fasziniert von der trauten Einsamkeit, die nur vom leisen Rauschen des Waldes, dem Gesang eines Vogels und dem rythmischen Schlag der Wellen unterbrochen wurde".

An diesem romantischen Ort wurde für ihn, wie an anderen Plätzen auch für Thomas Koschat und Johannes Brahms, ein Denkmal errichtet, das auch in Zukunft den Hintergrund für unsere musikalischen und gesanglichen Darbietungen bilden wird.

 Weiters erwähnt Prof. Scharf in seinem an sich recht vollständigen Beitrag zwar den Zusam­menschluß der Gesangsvereine im Jahr 1920, er scheint aber nicht vollstän­dig über die be­deu­tenden Ereignisse und Personen der Begründerzeit, die in direkter Beziehung zum "Sänger­gau Wörthersee" standen, informiert gewesen zu sein. Daß die Gründung desselben in das Jahr 1920 fällt, war bestimmt kein Zufall. Damals verlief die Demarkationslinie des zu diesem Zeit­punkt besetzten Kärnten am Südufer des Wörthersees. Was lag näher, als daß sich die Sänger dieses Gebietes zu einer größeren und wirkungsvolleren Institution zusammen­schlos­sen, um ihren Sanges­brüdern und Landsleuten südlich des Sees, in Kärntens schicksalhaftesten Tagen den Rücken zu stärken.

 Mit der Gründung des Gaues ist der damalige Volksschullehrer und Heimatdichter Sepp Großl aus Pörtschach unauslöschlich verbunden. Er wurde am 5. September 1920 zum ersten Gauobmann gewählt.

 Vertreter der Gesangsvereine Velden, Krumpendorf und Pörtschach nahmen an der Versammlung teil. Moosburg und Viktring wurden angeschlossen und Pörtschach wurde als Sitz des Sängergaues ausersehen. Bereits damals war eine der wich­tigsten Aufgaben des Sängergaues die Pflege des Zusammengehörig­keitsgefühls und die Verbreitung des Kärntnerliedes. Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, wollte man die vielseitigen Aktivitäten dieser Persönlichkeit als Lehrer, Heimatdichter, Liedertexter, Gauobmann, Chorleiter, Leiter des Schulvereins Süd­mark und Gründer des Turnvereins, darstellen. Sepp Großl war und blieb Garant für die Erhaltung alten und neuen Kärntner Liedgutes, der Ideenträger vieler, großartiger Veranstaltungen und ein glühender Verfechter der Unteilbarkeit Kärntens. Er starb am 28.11.1943 im 54. Lebensjahr - leider viel zu früh bei einem tragischen Unfall. Der Wörthersee, den er so sehr liebte und besang, hatte ihn nach einem kurzen aber reich erfüllten Leben zu sich genommen. Aus seiner Feder stammt unter anderem das erste Gaumotto, (das Prof. Spitaler vertonte), weiters das bekannte Kaiserjäger­lied "Krumpe Federn auf'n Huat" und das Kärntner Freiheitslied von 1920, dessen 4. Strophe uns auch noch heute ein wenig nachdenklich stimmen sollte:

"Kärntnerland, Du Land der Lieder,

Heißumstritt'ne Heimat Du,

Unser bist Du endlich wieder,

Allweg schallt Dir Jubel zu."

Als einer seiner Schüler habe ich Sepp Großl sehr verehrt.

Unter der Devise "Für ein freies und ungeteiltes Kärnten" wurde bei der Volksab­stim­mung am 10. Oktober 1920 klar entschieden und den Kärntnern die angestrebte Frei­heit wiedergegeben. Dieses Ergebnis beflügelte wohl auch die Vereine, im Jahr 1921 ihr groß angelegtes 1. Gausingen in Velden durchzuführen. Der Aktualität wegen sei hier der Bericht einer damaligen, großen Tageszeitung wiedergegeben:

"Velden am Wörthersee (Gausingen)"

Der im September des Vorjahres in Pörtschach gegründete Sängergau Wörthersee hielt am Donnerstag im Veldner Kultursaal sein erstes Gau­singen ab. Am frühen Nachmittag empfingen die Vertreter der Gemeinde­vorstehung und der MGV Velden auf dem festlich geschmückten Bahnhofe die zum Teil mit ihren Fahnen erschienenen Gesangsvereine Keutschach-Reifnitz, Seerößl Krumpendorf, MGV Moosburg, MGV Pörtschach am See und MGV Viktring mit ihren Chormeistern, den Herren Skorianz, Jäger, Wieltschnig, Großl und Truppe. Unter dem Spiel der bekannten Wiegele-Kapelle zog der gegen eineinhalbtausend Menschen zählende Zug durch das beflaggte Velden. Im Großgasthof Kointsch wurde Probe gehalten. Gegen drei Uhr strömte die festliche Menge in den Kursaal. Gauobmann Großl vom MGV Pörtschach hob in begeisternden Worten die Bedeutung des Tages hervor, der ein Fest der einigenden Kraft des deutschen Liedes sei. "Wenn wir uns nirgends zusammenfinden - im Liede sind wir eins!" Daß aber das deutsche Lied, das Kärntner- und Alpenlied hineingetragen werde in unser Volk als einigendes Band, als geselliges Bindeglied, als Trösterin in Not und Leide und höchster Ausdruck seelischer Freude, daß es bildend für

Herz und Gemüt dem Volke Heil und Segen bringe, das ist der tiefere Gedanke der Sängerarbeit. Das umfangreiche Programm, das nach dieser mit jubelndem Beifall aufgenommenen Rede abgewickelt wurde, zeigt vom Ernst der Auffassung ebenso, wie von einem reichen Können der einzelnen Vereine und des ganzen Gaues, der selbst in drei Gesamtchören Hervor­ragendes leistete. Einzelheiten hervorzuheben ist wegen der Enge des Raumes leider nicht möglich. Immerhin muß der gemischten Chöre MGV Viktring und der ganz außerordentlichen Leistung des MGV Velden, der sich unter seinem altbewährten Chormeister, Oberlehrer Eisenhut wieder als einer der besten und begeisterten Interpreten des Koschat-Liedes erwies, gedacht werden. Eine Zugabe ließ den wunderbaren Tenor Reßmann in seiner ganzen Herrlichkeit erglänzen. Unter der großen Zahl der Gäste sind zu erwähnen die Herren Landeshauptmannstellvertreter Schumy, Bürger­meister der Stadt Klagenfurt Prof. Dr. Woisegger, der bekannte Kärntner­lieder­sammler Prof. Neckheim u.a.m.. Das wohlgelungene Fest wird allen Sängern und Freunden hohe Genugtuung und frischen Ansporn gegeben haben. Gleichzeitig brachte es einen endgültigen Beweis dafür, wie tief der nationale Gedanke trotz aller Verhetzung im Herzen des Kärntner Volkes verankert ist.

Diese gelungene Manifestation war in den Folgejahren der Grund, daß sich weitere Vereine dem Sängergau anschlossen. Gebietsmäßig erstreckte sich derselbe vom Norden (Moosburg, Köstenberg, Damtschach) nach Süden bis an die Karawanken (Rosenbach, Maria Elend), weiter nach Osten (Krumpendorf, Reifnitz, Keutschach) und nach Westen (Lind ob Velden, Rosegg, Wernberg). Nicht uninteressant: die Grenzen waren nicht ident mit denen der Bezirkshauptmannschaften, aber mögli­cherweise von strategischer Bedeutung für das besonders gefährdete Abstimmungs­gebiet rund um den Wörthersee.

 Von der Gründerzeit bis in die Mitte der 40-iger Jahre lassen sich, wie bereits er­wähnt, aufgrund des Fehlens von Unterlagen, keine authentischen Aussagen über Ereignisse, Namen und Daten machen. Allerdings sind mir etliche Gau- und Bundes­sin­gen, sowie Namen von Gauobmännern und Gauchorleitern in Erinnerung. Es wa­ren dies die

Gauobmänner:            Sepp Großl - Pörtschach

                                      Komm.Rat Max Mösslacher - Velden

                                      Dir. August Lechner - Krumpendorf

                                      OLGR Dr. Felix Weratschnig - Rosegg

                                      Karl Ulbing - Pörtschach

und

Gauchorleiter:              Sepp Großl - Pörtschach

                                      Mathias Truppe - Velden

                                      Dir. Franz Seitschnig - Krumpendorf

                                      Dir. Hans Kraschl - Velden

                                      Dir. Franz Bukovschek - Pörtschach

                                      Dir. Georg Grimm - Moosburg

                                      Norbert Werhonig - Velden

                                      Eberhard Posch - Pörtschach

Erschöpfend berichten kann ich über die Zeit danach. Die ehrenvolle Funktion eines Gauobmannes wurde mir 1969 anvertraut und ich hatte umgehend Gedanken darü­ber anzustellen, wie man der anstehenden 50-Jahr-Feier des Gaues auch inhaltlich einen würdigen Rahmen verleihen könnte. Jubiläen sind - wie man weiß - kostspielig - und die Gaukasse war leer. Das vorhandene Geld hatte gerade gereicht, um dem scheidenden Gauobmann für seine Tätigkeit ein Erinnerungsgeschenk zu machen. Mich ließ der Gedanke, dem Sängergau zum Einstand eine schmucke Fahne als äußeres und sichtbares Zeichen zu übereignen, nicht mehr los. Es gelang mir, drei Pörtschacherinnen - die Geschäftsfrauen Maria Rencher, Anneliese Zieritz und Marga Valente - für dieses Vorhaben zu begeistern. Sie übernahmen in großzügig­ster Weise die gesamten Kosten dieser Fahne.

Unvergessen bleibt der 7. Mai 1970, an dem unsere Gaufahne, flankiert von den vier Traditionsfahnen aus Pörtschach, Velden, Krumpendorf und Moosburg, symbolisch auf Booten über den See kommend, am Festplatz vor dem Werzer Strandcasino, im Bereich des Koschat-Denkmales, eingeholt wurde. Seit Jahren signalisiert diese Fah­ne (nach einer Idee von mir und der künstlerischen Ausgestaltung durch den Gau­schriftf­ührer Anton Robatsch) den Standort unseres Gaues, wurde diesem bei freudi­gen Anlässen vorangetragen, und senkte sich auch einige Male abschied­nehmend in das offene Grab eines dahingegangenen, braven Sängers. Das Fahnenblatt ziert auf der einen Seite eine goldene Lyra auf weißem Grund, mit dem Schriftzug "Sänger­gau Wörthersee 1920 - 1970". Auf der anderen Seite befinden sich auf rotem Grund im Mittelpunkt die Anfangstakte unseres Gaumottos, welches sinnhaftig mit den Wappen aller im Sängergau beheimateten Vereine umrahmt ist.

 In den vielen Jahren habe ich die mir gestellten Aufgaben sehr ernst genommen. Dies war umso wichtiger, da im Zuge der Zeit sich die meisten Vereine im musika­lischen und kommerziellen Bereich neuen Aufgabenstellungen gegenüber sahen. Durch Anregungen und Maßnahmen des Kärntner Sängerbundes - und in den letz­ten Jahren auch der Gaue - wurde in den Chören sehr ernsthaft und intensiv an der Verbesserung des musikalischen Grundwissens gearbeitet. Die dadurch erreichte Selbstsicherheit förderte in hohem Maße die Wettbewerbsfreudigkeit, der wir durch eine vermehrte Durchführung von Gemeinschaftsproduktionen Rechnung trugen. Die vom Gau ins Leben gerufenen und gerne angenommenen Singnachmittage und Chorwerkstätten, denen beste Referenten zur Verfügung stehen, bieten unseren aufgeschlossenen Mitgliedern Gelegenheit, sich weiter zu bilden. Die Früchte dieser Bemühungen sind unverkennbar. Etliche Chöre haben dank ihres großen Einsatzes, mit ihren zielstrebigen Chorleitern eine beachtliche Reife erworben, die sie befähigt, auch im nahen und fernen Ausland präsent zu sein.

 Im kulturellen Bereich erschien es mir erstrebenswert, zum 70-jährigen Bestand des 1. Denkmals für Kärntens weltbekannten Liederfürsten Thomas Koschat, dessen schlich­tes Steindenkmal mit einer Bronzetafel sinnvoll aufzuwerten. Der darauf befind­liche Text des bekannten "Verlassen, verlassen" sollte den Beschauer zum Ver­weilen und Nachdenken anregen. Die Realisierung dieses Vorhabens war ein Geschenk des Sängergaues, der Singgemeinschaft und des MGV Pörtschach an den unvergessenen, großen Kärntner.

Die Vielzahl der freudigen Ereignisse werden, wenn auch selten, von Vorkomm­nis­sen überschattet, gegen die keine Vereinigung gefeit ist. Dann und wann werden Versuche unternommen, die alten Traditionen verändern zu wollen. So habe ich zum Beispiel miterlebt, daß bei der Jahreshauptversammlung eines Vereines ein Sänger unter "Allfälliges" das Ansinnen stellte, das Wort "Deutsch" aus dem Vereinsmotto durch eine andere Wortwendung zu ersetzen. Die - für viele nicht nachvollziehbare - Antwort auf die Frage, was ihn an diesem Wort störe, war, daß er nichts mit dem Wort "Deutsch" anfangen könne. Der Obmann beendete - richtigerweise - die Debat­te mit der Feststellung, diese Angelegenheit zu einem späteren Zeitpunkt zu behan­deln. Dieser Vorfall ist symptomatisch dafür, daß es Versuche gibt, mit plumpen Störversuchen, die unpolitischen Strukturen unserer Gesangsvereine zu unterlaufen. Deshalb ist es mir persönlich ein großes Anliegen, diese Thematik rechtzeitig aufzu­zeigen und unserer Sängerschaft zu vermitteln. Mir scheint es mehr als vertretbar, an dieser Stelle dem Artikel "Rückblick und Ausblick" (Jänner 1997) des Bundeschorlei­ters, Dr. Nikolaus Fheodoroff, ausreichend Raum zu geben. Dieser Bericht - äußerst lesenswert, seriös, tiefschürfend und wissenschaftlich untermauert - kommt der Wahrheitsfindung am nächsten. Dr. Fheodoroff sei für die Erlaubnis, diesen Bericht in meine Darstellung einfließen zu lassen, ganz herzlich bedankt.

 "Rückblick und Ausblick"

von Bundeschorleiter Dr. Nikolaus Fheodoroff

Die Hauptaufgabe des Kärntner Sängerbundes - dem Namen und den Statuten nach - ist das gemeinsame Singen. Unser Hauptaugenmerk in Fortbildungs- und anderen öffentlichen Veranstaltungen gilt der Schaffung von Rahmenbedingungen, die solches Tun ermöglichen.

Manchmal aber gilt es auch, Worte auszusprechen, Begriffe zu klären und zu defi­nieren. Damit werden Standpunkte deutlich gemacht, die Markierungen im Fluß der Zeit darstellen. Was "zur Sprache gebracht wird" - wie der Volks­mund treffen sagt, gerät nicht so leicht in Vergessenheit. Als "UNVERGES­SE­NES" - das ist die deut­sche Übersetzung für das griechische Wort "aletheia", die Wahrheit - kann es nicht mehr beliebig gedeutet und oft auch mißdeutet werden.

Ich möchte heute zwei Probleme ansprechen, die mit Tradition und Fort­schritt zu haben, diesem janusgesichtigen Wortpaar, dessen eine Hälfte ohne die andere nicht existieren kann, wie dies auch bei anderen ähnlichen Wortpaaren der Fall ist. Tradition ohne Fortschritt versumpft, Fortschritt ohne Tradition verflacht.

In jüngster Zeit ist um einen Unterbegriff des Sängerbundes eine Diskussion entstanden, die so geführt wird, als ob Wohl und Wehe allen sängerischen Tuns davon abhinge. Es geht um den Begriff "Sängergau" und all seine Ableitungen.

Etymologisch handelt es sich bei dem Wort "Gau" um ein bairisch-schwä­bisch-schweizerisch-vormittelhochdeutsches Wort (gotisch: gawi, gaujis), das auf eine altgermanische Wurzel zurückgeht. Es meint einen Landstrich, eine Gegend, einen Bezirk, zumeist ein freies und fruchtbares Land, das oft an einem Wasserlauf liegt.

Abgesehen von einigen Landschaftsbezeichnungen geriet dieses Wort in Verges­senheit. Es war im Sprachgebrauch lang abgestorben, bis es durch Goethe, Bürger, Schiller und Stefan George neu belebt wurde (KLUGE, Etymologisches Wörterbuch der dt. Sprache, Berlin 1883; 17. Auflage 1957).

In ihrem 12-jährigen Intermezzo hat die deutschtümelnde NSDAP das Wort "Gau" in reichem Maße für ihre Organisationsformen verwendet und es damit ideologisch pun­ziert. Aber: einzig aus diesem Grund das gut belegte, alt­deutsche Wort zu verpönen, würde eine späte Reverenz vor dem National­sozialismus bedeuten.

Es hätte überdies mit einer Verflachung des Sprachgefühls ("feeling" würde man heut­zutage sagen) und mit einem sehr oberflächlichen Fortschritt zu tun, der an die andere Bedeutung des Wortes GAU rührt: nämlich an das Wortkürzel im Bereich der Atomwissenschaft für "größter anzunehmender Unfall". Hier wie dort wird eine tabula rasa geschaf­fen.

Wir sind heute leider gewohnt, Geschichte aus sehr kurzer Sich zu betrach­ten und uns ein Weltbild aus einander erschlagenden Informationen zusam­menzubasteln. Reizwörter von vielerlei Art machen blind für größere Zusam­menhänge. Wer am Wort "Gau" Anstoß nimmt und es ausmerzen möchte, müßte in aller Konsequenz dies auch bei folgenden Begriffen tun: Pongau, Pinzgau, Lungau, Rheingau, Main­gau, Hegau, Vintschgau, Aargau, Thurgau, und schließlich auch noch in der Neben­form Allgäu.

Für mich aber besteht, weil ich Worte beim Wort zu nehmen gewohnt bin, ein wesentlicher, demokratisch abgesicherter Unterschied zwischen "Gauleiter" und "Gauobmann". Obmann wird man durch Wahl, Leiter durch Einsetzung. Überdies wage ich zu bezweifeln, daß gemeinsame kulturelle Bemühungen von Laien bereits ein "Festival" sind, auch wenn man ein solches Unter­neh­men mit diesem Wort bezeichnet. Und schließlich frage ich mich: wie kann ein 12-jähriges Intermezzo eine tausendjährige Geschichte im Bewußtsein vieler Menschen auslöschen? Ist hier das Phänomen eines Pawlow'schen Reflexes zu beobachten?

Der zweite Problemkreis, den ich heute ansprechen möchte, betrifft das Verhältnis mancher öffentlicher Medien zu kärntnerischem Musizieren im allgemeinen und zum Chorgesang im besonderen. Immer wieder werden im Land Klagen laut, daß unsere Medien die Volkskultur dieses Landes wenig achten, sich ihrer mit Alibihandlungen entledigen oder sie überhaupt tot­schweigen. Dazu ist zu sagen, daß alle Medien im Zeitalter der Zahlen, des statistischen Durchschnitts und des "Schneller - Höher - Stärker" aus Selbst­erhaltungstrieb danach trachten, ihr Publikum zu maximieren und die Teil­nehmerquoten möglichst hoch zu halten. Nach einer einfachen Logik be­deutet das: wo Massen zusammen kommen, handelt es sich um ein Groß­ereignis - in der heute gebräuchlichen "Neusprache" nennt man das "Mega-Event". Und die Darstellung eines solchen Mega-Events steigert die eigene Bedeutung und das Behagen daran in selbststimulierendem Ausmaß, ganz egal, welcher Inhalt transportiert wird, von einer kulturellen Bedeutung dieses Inhalts ganz zu schwei­gen. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite sieht so aus: voll Bewunderung sehen, hören und lesen konsu­mierende Chöre (um die Thematik aus dem allgemeinen Bereich gleich ein wenig enger zu fassen, mit welch primitiven Mitteln Massen zu bewegen sind. Sie begin­nen, ihre anspruchsvollere Literatur links liegen zu lassen und sich dem Modetrend anzuschließen: mit weniger anstrengender Arbeit zu schnellem Erfolg zu gelangen, ist eine angenehme Sache.

Nur: Kulturarbeit hat mit Schnelligkeit nichts zu tun.

Und: hier beginnt eine Teufelskreis sich zu drehen. Chöre bieten den Medien wieder leichtes Futter an, das dankbar als "im Trend liegend" aufgenommen wird. Ich be­haupte keineswegs, daß alle so denken und handeln. Aber ich möchte aus Sorge um die künftige Entwicklung einen Trend ansprechen, der unweigerlich zu einer Verar­mung und Verödung kulturellen Lebens führt, wenn ihm nicht rechtzeitig Einhalt geboten, und wenn nicht gewachsene Qualität - sozusagen "Bio-Kultur" statt "Plastik-Müll" - an seine Stelle gesetzt wird.

Darum appelliere ich an alle Singgemeinschaften in diesem Land: Laßt euch bestär­ken in der Gewißheit, daß kärntnerisches Singen jeder anderen Folklore ebenbürtig ist. Bleibt echt, ohne kitschige Ausflüge, im gesellschaftlichen Leben verankert und nicht einem zweifelhaften Tageserfolg nachjagend. Laßt euch nicht davon abbrin­gen, manchmal ein anspruchsvolleres, schwierigeres Werk österreichischer oder auch internationaler Herkunft zu erarbeiten.


Je einheitlicher das zukünftige Europa in rechtlichen, wirtschaftlichen und politi­schen Belangen sich darstellen wird, um so leuchtender werden seine kulturellen Unterschiede erstrahlen müssen. Eine normierte Einheitskultur von Sizilien bis zum Nordkap brächte eine Verdunkelung und Verödung menschlicher Geistesfähigkeit mit sich.

Da ich bei der nächsten Jahreshauptversammlung am 19. April 1997 nicht mehr als Bundeschorleiter kandidieren werde, nehmt diese meine An­mer­kungen als Vermächtnis meiner Anteilnahme an der künftigen Entwicklung des KÄRNTNER SÄNGERBUNDES.

 * * *

Nach 25 langen und ereignisreichen Jahren wurden meine Bemühungen, einen Nachfolger zu finden, von Erfolg gekrönt. Bei der 73. Jahreshauptversammlung am 19. März 1994 in Velden, wurde mir unter Anwesenheit von viel Prominenz viel Ehre zu teil. Das Ehrenzeichen des Landes Kärnten, die Überreichung einer wunderschö­nen Vase mit sinnvoller Gravur, und die Ernennung zum Ehrenobmann des Gaues waren die äußeren Zeichen der Würdigung meiner Verdienste um den "Sängergau Wörthersee". Zu meinem Nachfolger wurde der Obmannstellvertreter des "MGV Seerößl" Krumpendorf, der Gast- und Landwirt Hans Krainer einstimmig gewählt. Ernst Pollheimer, Chorleiter von "Vocalitas Krumpendorf" und späterer Gauchorleiter, wurde als Jugendreferent in den Vorstand kooptiert. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge nahm ich Abschied von meiner braven, treuen und wohlgesinnten Sängerschar.

 Dem Sängergau gehören zur Zeit 14 Männerchöre, 10 Gemischte Chöre und 4 Jugendchöre an. Somit sind 28 Vereine im Sängergau vertreten. Dies sind:

 *        "MGV Alpengruß" / Damtschach

*        "MGV Bärndorf"

*        "MGV Lind ob Velden"

*        "MGV Liederkranz" / Schiefling

*        "MGV Maria Elend"

*        "MGV Moosburg"

*        "MGV Pörtschach"

*        "MGV Reifnitz"

*        "MGV Seerösl" / Krumpendorf

*        "MGV St. Egyden"

*        "MGV Velden"

*        "Doppelsextett Rauschelesee"

*        "Gesangs und Musikverein der Gendarmen Kärntens"

 *        "Doppelsextett Velden"

*        "Gemischter Chor Moosburg"

*        "Gemischter Chor Rosegg"

*        "Gemischter Chor Velden"

*        "Singgemeinschaft Köstenberg"

*        "Singgemeinschaft Krumpendorf"

*        "Singgemeinschaft Pörtschach"

 *        "Vocalitas Krumpendorf"

*        "Kärntner Doppelsextet"

*        "Stimmen aus Kärnten"

 *        "Volksschulchor Krumpendorf"

Neuzugänge in den letzten Jahren waren der Volksschulchor Pörtschach, der Volkschulchor Moosburg, sowie der Jugendchor Velden. Nach kurzer Pause ist auch wieder das Wörthersee Oktett aktiv.

 Zur Struktur der Vereine wäre festzuhalten, daß der Sängergau bis 1950 eine Domäne der Männerchöre war. Der Mangel an guten ersten Tenören veranlasste etliche Chöre, auch Frauen mit einzubinden. Die Tatsache, daß es heute schon über ein Drittel gemischte Chöre gibt, bestätigt den eingeschlagenen Weg und bereichert zusätzlich die Szene. Ebenso stark im Kommen sind die recht flexiblen Kleingruppen.

 Seit 1965 haben wir in Eigenproduktion drei große Jubiläen (50-Jahr-Jubiläum in Pörtschach, 60-Jahr-Jubiläum in St. Jakob im Rosental, 70-Jahr-Jubiläum in Velden), und 28 Gausingen durchgeführt. Die Teilnahme an fünf Bundessingen des "Kärntner Sängerbundes" und an den Jubelfeiern zum 10. Oktober 1920 in den Jahren 1970, 1980, 1990 und 2000 in Klagenfurt, war selbstverständlich Ehrensache.

Um nicht das Risiko einer Bewertung einzugehen, habe ich bewusst darauf verzichtet, die Namen all jener tüchtigen Funktionäre und deren großartige Leistungen anzuführen. Stellvertretend für diese ist es mir aber ein großes Anliegen, die enorme Schaffenskraft des ehemaligen Chorleiters Josef Inzko und dessen über 550 Kompositionen zu erwähnen und zu würdigen. Demzufolge wurde ihm auch die Verleihung der "Goldenen Ehrenmedaille für besondere Verdienste um Heimat und Lied" und des "Großen Ehrenzeichens des Landes Kärnten" entsprechend Anerkennung zuteil.

 Mit all diesen Unternehmungen haben wir vom Sängergau mit unseren begeisterten Sängerinnen und Sängern den Leitgedanken der Gründung von 1920 - die Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls, sowie die Verbreitung und Erhaltung des Kärntner Liedes - vollzogen, getreu unserem Motto:

 "Um den Wörthersee im Kärntner Land,

schling deutsches Lied ein festes Band"

 So verbleibt mir zum Schluß, dem seit 1994 amtierenden Nachfolgerteam für die in meinem Sinn erbrachten Leistungen, Dank zu sagen. Möge man dafür Sorge tragen, daß der "Sängergau Wörthersee" auch weiterhin erhalten bleibt und seine Mission erfüllen kann.

 Karl Ulbing

St. Bartlmä im März 2002